Vergleichsarbeit einmal anders: Wie Kollegen Klausuren stellen

klassenarbeiten-de.jpgAuf der Suche nach zusätzlichem Übungsmaterial zur Rechtschreibung (Klasse 6: g/k, b/p, d/t) bin ich auf die Website www.klassenarbeiten.de gestoßen. Auf der Titelseite wird mit einer „riesigen Sammlung an Klassenarbeiten“ geworben, die man kostenlos einsehen könne.

„Nun gut“, dachte ich, „vergleichst du mal die Arbeiten der Kollegen mit den deinen.“

Fach Deutsch

Der erste Vergleich: Deutsch, Klasse 6, Thema Rechtschreibung, angeblich aus einem Gymnasium. Ich bin irritiert.

Die klassische Form des Rechtschreibtests ist sicherlich das Diktat; in Rheinland-Pfalz ist es sogar explizit vorgeschrieben. Doch das Aufgabenblatt enthält lediglich eine Abschreibübung und zwei Lückentexte. Im ersten Lückentext spielt die Rechtschreibung augenscheinlich gar keine große Rolle, denn die einzusetzenden Begriffe sind bereits in der richtigen Schreibweise vorgegeben. Im zweiten müssen immerhin die s-Laute in der richtigen Schreibweise zu Papier gebracht werden. Die richtige Groß- und Kleinschreibung soll in der Abschreibübung angewandt werden. Mir persönlich erscheinen die Aufgaben sehr leicht. Vom Gymnasium hätte ich einen höheres Niveau erwartet.

Um Attribute geht es in einer anderen Klassenarbeit. Diese besteht aus nur einer einzigen Aufgabe. Im Mittelpunkt steht die pure Regelkenntnis: Fakten, Fakten, Fakten. Wo bleibt die pragmatische Anwendung derselben? Meines Erachtens ist auch diese „Klassenarbeit“ als solche nicht zu gebrauchen, selbst wenn ich den Ansatz, grammatikalische Themen in den Mittelpunkt einer Klassenarbeit zu stellen, richtig finde. Leider ist das in Rheinland-Pfalz nicht ohne weiteres möglich. Aber das ist ein anderes Thema…

Glücklicher Weise lässt sich das bislang Geschriebene nicht generell auf die anderen Klassenstufen übertragen. Insbesondere die klassischen Aufsatzthemen wie Beschreibung, Charakterisitik und Erörterung werden in meinen Klausuren in ähnlicher Form abgehandelt.

Fächerwechsel: Erdkunde

Zunächst einmal wundere ich mich, dass es angeblich Bundesländer geben soll, die Klassenarbeiten auch in Nebenfächern vorsehen. In Rheinland-Pfalz gibt es nur schriftliche Überprüfungen (SÜ), die umgangssprachlich aufgrund des inhaltlichen Umfangs oft „Zehn-Stunden-Test“ genannt werden. Zugegebener Maßen klingt „Klassenarbeiten“ griffiger. Insofern habe ich ein gewisses Verständnis für die Wortwahl.

Ich beginne zunächst wieder in der Klassenstufe 6 mit einer Arbeit über Stein- und Braunkohle sowie der Topographie Norddeutschlands und Europas. Ein Bezug zwischen diesen doch grundverschiedenen Themen wird nicht hergestellt. Abgeprüft wird ausschließlich Faktenwissen – ein Transfer wird nicht verlangt.

Nicht besser sieht es in einer Klausur der Klassenstufe 9 (Realschule) aus: Wieder ein buntes Themen-Potpourri (Pakistan, Topographie Asien, Topographie Alpen, Wasserhaushalt), wieder keine Transferfragen.

Fazit

Sollten die von mir stichprobenartig in Augenschein genommenen Dokumente tatsächlich als Klassenarbeiten zum Einsatz gekommen sein, darf man sich über das vielzitierte schlechte Abschneiden bei PISA nicht wundern. Dies gilt insbesondere für die Arbeiten zu den Themen Rechtschreibung und Grammatik sowie die Aufgaben im Bereich Erdkunde. Eine neue, moderne Aufgabenkultur sucht man vergeblich.

Doch wen wundert ’s: Im vergangenen Jahr meldete ich mich zu einer entsprechenden Fortbildungsveranstaltung an: „Neue Aufgabenkultur im Fach Deutsch“. Die Fortbildung fand wegen mangelnder Nachfrage nicht statt.

Und andere Fächer?

Nun, liebe Leser, ich bin gespannt auf Rückmeldungen über die Kommentar-Funktion…

5 Replies to “Vergleichsarbeit einmal anders: Wie Kollegen Klausuren stellen”

  1. Hallo,

    zunächst mal das Einfache: in B-W gibt es auch in Nebenfächern Klassenarbeiten, zwar nicht verpflichtend, aber 2 pro Jahr werden in der Regel geschrieben.

    Was die Aufgabenkultur angeht: ich bin gerae in meinem ersten Jahr als Lehrer an einem Gymnasium in B-W und suche oft händeringend nach anspruchsvollen Aufgaben. Allerdings kam das Thema in der Ausbildung praktisch nicht vor, so dass ich immer noch keine Routine im Stellen von Transferaufgaben habe. Ohne Routine, ohne eine generelle Herangehensweise dauert das aber unglaublich lang, so dass ich oft auf ähnliche Aufgaben zurückgreife, wie die oben beschriebenen.

    Zufrieden macht mich das nicht. Wenn es daher Tipps gibt, wie man sich in puncto „bessere Aufgaben stellen“ fortbilden kann, bin ich dafür dankbar.

    Wie ist das anderswo?

  2. @ Andreas:

    In Rheinland-Pfalz wurden parallel zu den bundesweit gültigen Bildungsstandards so genannte Erwartungshorizonte veröffentlicht. Diese enthielten erste Beispiele zur „neuen“ Aufgabenkultur. Inzwischen hat man eigens zu diesem Thema eine Website eingerichtet.

    @ Cassarah:

    Danke für den Hinweis. Auch unsere Arbeitshefte enthalten entsprechend altersgemäße Ãœbungen. Ich suchte nach (möglichst interaktivem) Zusatzmaterial, mit dem die Lernwilligen daheim üben können.

  3. Kurz bevor ich diesen Beitrag zu schreiben anfing, erkundigte ich mich bei den Initiatoren des Projektes, ob es sich tatsächlich ausschließlich um authentische Klassenarbeit handeln würde. Eben erhielt ich eine Antwort:

    „ja, alles echte Klassenarbeiten :-)“

    Ich ersetze den Smily durch ein 🙁

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