Immer mehr Teenies stellen bei Providern wie Knuddels & Co. eigene Homepages ins Netz. In der Regel dienen sie dem Ausdruck der eigenen Persönlichkeit (“Über mich”, “Likes and Dislikes”, “My Fotos”) und dem Austausch innerhalb der Peer-Group (“My Friends”). Meist nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.
Über eine Achtklässlerin, die mich am Wochenende um Begutachtung ihrer Site und einen Gästebucheintrag – das Poesiealbum hat nun wohl endgültig ausgedient – bat, stieß ich auch auf Homepages von Schülern meiner 6. Klasse. Offen gestanden war ich ein wenig überrascht, wie viele bereits in dieser Altersstufe im Netz präsent sind und wie unbedacht die Schüler Informationen über sich preisgeben:
Bei vielen findet man den Vor- und Nachnamen in Verbindung mit dem Wohnort, manchmal auch der Schule angegeben; andere scheinen vernünftiger und schreiben den Nachnamen nicht explizit hin, geben dann aber scheinbar ohne nachzudenken ihre E-Mailadresse lieschen.mueller@irgendwo.de an. Prima! Eine der neun Homepages, die ich am Wochenende besuchte, diente dem Schüler als virtuellem Pranger, indem er Lehrersprüche wiedergab und kommentierte (“Und sowas will Englischlehrerin sein!” und schlimmer). In einem Gästebucheintrag wurde auch eine Mitschülerin namentlich genannt und übel beleidigt. Doch das waren nur Ausnahmen.
Ich habe meine Schüler heute auf ihre Internet-Präsenzen angesprochen. Zunächst schauten einige verschämt weg. Offensichtlich fühlten sie sich in ihrer Privats- und Intimsphäre verletzt, was zunächst nicht verwundert: Was geht es den Lehrer auch an, wer gerade mit “HDGDL” & Co. gegrüßt wird oder wer den allzeit begehrten Titel “Mein Schatz” tragen darf? Insofern war das Gespräch eine Gratwanderung. Doch es nahm einen sehr positiven Verlauf, als die Schüler merkten, dass es gar nicht um einzelne Inhalte ging, sondern um ihren eigenen, ganz persönlichen Schutz. Zwei, drei Beispiele genügten, um zu zeigen, wie einfach sie es einem “bösen Mann” machen, Details in Erfahrung zu bringen, die aus dem pubertierenden Heranwachsenden ein potenzielles Opfer machen. Von da an fragten mir die Schüler Löcher in den Bauch: Gibt es wirklich Leute, die gezielt nach Fotos von Kindern suchen? Wer ist schuld, wenn in Gästebüchern etwas Beleidigendes über Dritte steht? Darf man Musik-Videos einfach so auf seine Homepage stellen? Warum sind die “Homepage für Kids”-Angebote kostenlos – Wo ist der Haken? Und so weiter und so weiter.
Über das schlagartig ungehemmte Interesse der Schüler wundere ich mich zurückblickend nicht: Eine Schülerin berichtete – sie steht exemplarisch für viele andere -, sie habe einmal ihre Eltern gebeten, ein “hübsches Foto” von sich von der Digitalkamera auf den Rechner zu übertragen. Die Eltern erschraken über die Art der Bilder und sperrten kurzerhand den Internet-Zugang. Begründet haben sie ihr Verbot nicht. Nach dem Gespräch in der Klasse habe sie es verstanden, erklärte sie – nicht ohne Einsicht und Erleichterung.
Ich berichtete von meinem Gespräch im Lehrerzimmer. Einige Kollegen finden das alles sehr schrecklich, betrachten sich selbst aber als nicht zuständig. Immerhin sei es Aufgabe der Eltern zu kontrollieren, wie und wofür Kinder in der Freizeit das Internet nutzen. [Moral] Auch wenn man mit mangelndem Sachverstand im Bereich Medien eine gewisse Zurückhaltung erklären kann, sollten wir es uns in der Schule so einfach nicht machen.[/Moral]
Hallo, großartiger Beitrag! Ich bin auf der Suche nach einem bloggenden Lehrer hier vorbeigekommen [...]