Über die Notwendigkeit von Kopfnoten

Die Aufregung in Nordrhein-Westfalen kann ich nachvollziehen: Mit den sechs Kopfnoten Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Konfliktverhalten und Kooperationsfähigkeit ist man sicher über das Ziel hinausgeschossen. Hätten nicht die beiden Klassiker „Verhalten“ und „Mitarbeit“ genügt?

Meines Erachtens gehören allgemeine, fachübergreifende Aussagen über das Arbeits- und Sozialverhalten unbedingt in jedes Zeugnis! Viele Betriebe sehen das offensichtlich ähnlich, denn wie sonst wäre zu erklären, dass sie sich im Rahmen einer Bewerbung neben den Abschlusszeugnissen, auf denen zumindest hierzulande keine Kopfnoten erscheinen, oft auch das Halbjahreszeugnis der Abschlussklasse vorlegen lassen? Lediglich befriedigende Noten in den Kopfnoten führen eher zu einer Ablehnung eines Bewerbers als eine Fünf in einem Hauptfach und zwei Vieren in Bio und Sport. Eine Einstellungspraxis, die sich bei uns im Umfeld immer wieder bestätigt.

Darüber hinaus decken die Fachnoten unser Tätigkeitsfeld nicht umfassend ab: Wenn ein Schüler regelmäßig auf dem Pausenhof auffällt, hat dies keinen Einfluss auf irgendeine Fachnote, doch im Rahmen der halbjährlichen Würdigung der Schülerleistung ist ein Hinweis unbedingt nötig, um Ermahnungen ggf. den nötigen Nachdruck zu verleihen und – ebenso wichtig und leider zu selten praktiziert – vorbildliches Verhalten zu würdigen.

Auch die Mitarbeitsnote kann Aspekte berücksichtigen, die in der Fachnote nur bedingt ihren Niederschlag finden. Ich denke da an einen Fall aus einer fünften Klasse. Dass das Kind hoffnungslos überfordert ist, dokumentieren sechs Fünfen – zwei in Hauptfächern, der Rest in sogenannten Lernfächern. An Unterrichtsgesprächen beteiligt sich das Kind nie [sic!] aktiv und schriftliche Überprüfungen bescheinigen höchstens mangelhafte Leistungen. Und trotzdem: Stellt man der Klasse einen Arbeitsauftrag, so bemüht sich das Kind und kommt sogar mit Fragen zur Aufgabe auf die Lehrkräfte zu. Die meisten Aufgaben werden zwar trotzdem falsch bearbeitet, doch immerhin war ein Bemühen erkennbar, dass sich durchaus in einer befriedigenden, wenn nicht gar guten Mitarbeitsnote niederschlagen kann.

Kritiker der Kopfnoten werden nun einwerfen, dass man diese Sachverhalte sehr gut in Form einer verbalen Bemerkung würdigen könnte. Wir machen jedoch die Erfahrung, dass die Formulierung von Bemerkungen oft sehr viel Zeit in Anspruch nimmt und – im schlechtesten Falle – von den Adressaten nicht richtig verstanden wird.

Wesentlich effektiver erscheint mir das folgende, bei uns praktizierte Vorgehen: Die Standardnote für Verhalten und Mitarbeit ist gut (2), wobei es im Bereich der Kopfnoten insgesamt nur vier Notenstufen (sehr gut, gut, befriedigend, unbefriedigend) gibt. In den Konferenzen werden lediglich Abweichungen von diesem Standard diskutiert: Hat sich der Schüler bei irgendeiner Gelegenheit besonders ausgezeichnet? Gab es eine Häufung von Tadeln oder anderen Beschwerden? Wie häufig z. B. hat er Hausaufgaben nicht angefertigt oder Unterschriften nicht vorgezeigt? Der Klassenleiter beantwortet unter Berücksichtigung der Eintragungen im Klassenbuch diese Fragen und beantragt gegebenenfalls in der Konferenz eine abweichende Note. Sehr gute und unbefriedigende Noten werden in der Regel in der Bemerkung begründet, bei der Note befriedigend kommt es auf den Sachverhalt an.

7 Replies to “Über die Notwendigkeit von Kopfnoten”

  1. > Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Konfliktverhalten und Kooperationsfähigkeit

    Ãœber viele dieser Eigenschaften kann ich, wenn es in einer Klasse normal läuft, doch überhaupt keine Aussagen machen. Wie soll ich z.B. „Konfliktverhalten“ beurteilen, wenn ich mit dem Schüler keine Konflikte habe und auch nicht mitbekomme, dass er sich mit anderen zofft?

  2. Aus diesem Grund plädiere ich ja auch für die zwei Kopfnoten Verhalten und Mitarbeit.

    Ein Nachtrag: Ein Kollege aus Köln berichtete, dass die Konferenzen dank der neuen Kopfnoten im Schnitt doppelt so lange dauerten als bislang: Man begann morgens um 8:00 Uhr und endete abends um halb neun. Dass wegen Kopfnoten auch noch Unterricht ausfällt, erscheint mir in keiner Weise gerechtfertigt.

  3. Damit die Diskussion nachvollziehbar bleibt, übernehme ich eine Kommentierung meines Beitrags in Felix‘ Blog „Bluemac“ hier wörtlich:

    Schwellenpädagik schreibt: „Darüber hinaus decken die Fachnoten unser Tätigkeitsfeld nicht umfassend ab: Wenn ein Schüler regelmäßig auf dem Pausenhof auffällt, hat dies keinen Einfluss auf irgendeine Fachnote, doch im Rahmen der halbjährlichen Würdigung der Schülerleistung ist ein Hinweis unbedingt nötig, um Ermahnungen ggf. den nötigen Nachdruck zu verleihen und – ebenso wichtig und leider zu selten praktiziert – vorbildliches Verhalten zu würdigen.“ [Verweis auf diese Seite]

    Muss von mir als Lehrender wirklich jedwedes Verhalten im Rahmen der Schule einer Bewertung, Klassifizierung, Verurteilung unterzogen werden. Lässt sich das vom Lehrenden wahrgenommene Fehlverhalten durch eine Kopfnote nachhaltig verbessern? Bei Fachnoten würde ich zustimmen, dass die erarbeiteten Inhalte in gewissen Rahmen durch ein Raster von 1-6 wiedergegeben werden können. Bei den Kopfnoten geht es um was anderes. Verhalten darf und kann nicht durch Noten sanktioniert werden. Gerade die Sammelnote eines ganzen Kollegiums ist absolut aussagslos, da sich kaum eine Person bei verschiedenen anderen Personen immer gleich verhält. So genannte “Problemschüler” können bei einem Lehrer positiv durch Mitarbeit und Engagement – auch über den Unterricht hinaus – auffallen, während sie bei Anderen als Querschläger und “Unterrichtsverweigerer” auftreten. Und welche Note gibt man dann? Egal welche, sie wird nie der Person dahinter gerecht.

    Ne, ich bin weder für fünf, noch für zwei Kopfnotenkategorien. Kopfnoten sind nicht ohne Grund vor 30 Jahren bei uns abgeschafft worden. Sie gehören sich einfach nicht.

  4. Meine Antwort:

    Wenn ich in Betrieben unterwegs bin, etwa im Rahmen von Praktikantenbesuchen, erfahre ich immer wieder, dass den Kopfnoten eine hohe Bedeutung beigemessen wird. Es wäre interessant, ob sich die Berufsverbände einmal über das Für und Wider von Kopfnoten als Einstellungskriterium ausgelassen haben.

    Auch im Hinblick auf die von Felix in Frage gestellte Aussagekraft („Sammelnote“) der Kopfnote bin ich optimistischer: Während es hin und wieder Einsprüche gegen Fachnoten gab, blieben Widersprüche gegen Kopfnoten an unserer Schule bislang gänzlich aus.

    Dies liegt vielleicht daran, dass sich von der Standardnote 2 (bei uns gibt bei den Kopfnoten es übrigens nur vier Abstufungen: sehr gut, gut, befriedigend, unbefriedigend) nach unten abweichende Noten im Vorfeld frühzeitig ankündigen: sei es durch schriftliche Benachrichtigungen über Tadel oder einen intensiven persönlichen Kontakt.

    Schaut man sich Stellenanzeigen von Unternehmen an, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass man in der Wirtschaft ganz unverkrampft mit den nur bedingt objektiv messbaren „Soft skills“ umgeht: Das Anforderungsprofil besteht meist sowohl aus fachlichen wie aus sozial-emotionalen Kompetenzen. Daher ist es selbstverständlich, dass Arbeitszeugnisse (dazu gehören auch dienstliche Beurteilungen von Lehrkräften) immer auch entsprechende Aussagen über den letztgenannten Kompetenzbereich enthalten. Warum sollten Lehrkräfte solche Einschätzungen nicht vornehmen können?

    Bei genauerer Betrachtung ist es sogar ein Vorteil, dass die schulische Bewertung nicht von einem einzelnen Beurteiler, sondern von einem größeren Gremium, nämlich der Zeugniskonferenz, vorgenommen wird.

  5. Wenn ich in Betrieben unterwegs bin, etwa im Rahmen von Praktikantenbesuchen, erfahre ich immer wieder, dass den Kopfnoten eine hohe Bedeutung beigemessen wird.

    Was ja nicht bedeutet, dass wir das mit einem Bildungsauftrag auch erfüllen müssen….

    Auch im Hinblick auf die von Felix in Frage gestellte Aussagekraft (”Sammelnote”) der Kopfnote bin ich optimistischer: Während es hin und wieder Einsprüche gegen Fachnoten gab, blieben Widersprüche gegen Kopfnoten an unserer Schule bislang gänzlich aus.

    Was ebenfalls nicht für die Richtigkeit der Note spricht. Ich glaube, dass hier vor allem die Eigenart als „Verhaltensnote“ eine entscheidende Rolle spielt. Angenommen ich bin mit einer 3 bei eine Verhaltensnote nicht einverstanden: Was bliebe mir als Klagegrund? Die subjektive Einschätzung des Kollegiums anfechten? Oder gar riskieren, dass die aktuelle Note zwar angepasst, die nächste aber wegen „unkooperativen Verhalten“ noch schlechter wird? Bei Fachnoten gibt es einen – mehr oder weniger – direkten Zusammenhang zwischen dem Verständnis der Fachinhalte und der Note. Das ist anders gelagert als bei de Kopfnoten.

    Dies liegt vielleicht daran, dass sich von der Standardnote 2 (bei uns gibt bei den Kopfnoten es übrigens nur vier Abstufungen: sehr gut, gut, befriedigend, unbefriedigend) nach unten abweichende Noten im Vorfeld frühzeitig ankündigen: sei es durch schriftliche Benachrichtigungen über Tadel oder einen intensiven persönlichen Kontakt.

    Hier ebenfalls. Nur: Wie bewertet man einen Schüler, der pünktlich zum Unterricht erscheint? 1, 2? Oder doch 3, weil das ja eigentlich befriedigend / normal sein sollte?

    Schaut man sich Stellenanzeigen von Unternehmen an, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass man in der Wirtschaft ganz unverkrampft mit den nur bedingt objektiv messbaren “Soft skills” umgeht: Das Anforderungsprofil besteht meist sowohl aus fachlichen wie aus sozial-emotionalen Kompetenzen. Daher ist es selbstverständlich, dass Arbeitszeugnisse (dazu gehören auch dienstliche Beurteilungen von Lehrkräften) immer auch entsprechende Aussagen über den letztgenannten Kompetenzbereich enthalten. Warum sollten Lehrkräfte solche Einschätzungen nicht vornehmen können?

    Weil sie stark subjektiv geprägt sind? Ich habe auch von Personalverantwortlichen gehört, die sich in keinster Weise um die Kopfnoten kümmern… Sie wollen sich selber ein Bild von der Person machen. Das ist authentischer und längerfristig tragfähiger.

    Bei genauerer Betrachtung ist es sogar ein Vorteil, dass die schulische Bewertung nicht von einem einzelnen Beurteiler, sondern von einem größeren Gremium, nämlich der Zeugniskonferenz, vorgenommen wird.

    Dies kann ich nicht nachvollziehen.

    Herzlich,

    F.

  6. Hallo Felix.

    Dies kann ich nicht nachvollziehen.

    Ich greife lediglich Deine letzte Äußerung auf, um meine Position zu verdeutlichen – wohl wissend, dass wir uns in der grundsätzlichen Frage nach der Sinnhaftigkeit von Kopfnoten nicht werden einigen können.

    Einen Absatz zuvor hast du darauf hingewiesen, dass Bewertungen der „Soft skills“ stark subjektiv geprägt sind. Dem ist nicht zu widersprechen.

    In einer Zeugniskonferenz treffen aber sieben, acht, teilweise auch mehr subjektive Eindrücke aufeinander. Um die Abweichung von der Standardnote durchzusetzen, muss die Mehrheit der Kollegen zustimmen. Nehmen alle ihre Verantwortung für den Schüler ernst, führt dies zu einer nicht zu unterschätzenden Objektivierung der Bewertung.

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