Vorbereitung auf die Zeugniskonferenz

Bei uns finden die Zeugniskonferenzen an zwei aufeinander folgenden Tagen statt, um nächtliche Sitzungen zu verhindern. Gestern ging’s mit den Klassen 7-10 los, heute folgt die Orientierungsstufe.

In einer achten Klasse kam es gestern zum Eklat: Der Klassenleiter, stets bestrebt, seine Konferenz in max. 5 Minuten zu beenden, hatte bereits handschriftlich das Protokollblatt ausgefüllt, bevor die Sitzung überhaupt begann. Doch da ertreisteten sich einige Kollegen und forderten für einzelne Schüler zusätzliche Bemerkungen. Der Klassenleiter wehrte sich mit Händen und Füßen – vordergründig aus pädagogischen Gründen, tatsächlich schien es ihm aber darum zu gehen, eine Neuanfertigung des Protokolls, das in der bereits vorliegenden Fassung die einzig objektive Einschätzung seiner Klasse widerspiegeln würde, zu verhindern.

Obwohl ich mit meiner 6. Klasse erst heute an der Reihe bin, habe auch ich das Protokoll bereits am Wochenende geschrieben, jedoch nicht per Hand, sondern am PC. Dies hat einige Vorteile:

  • Ich mache mir bereits im Vorfeld der Konferenz Gedanken, wie ich Bemerkungen auf dem Zeugnis formulieren möchte. Meine Bemerkungen sind individuell auf den einzelnen Schüler zugeschnitten, da ich auf die Textbausteine des Zeugnisprogramms verzichte. Die Suche nach Formulierungen, die so manche Konferenz schier endlos in die Länge zieht, entfällt.
  • Sollte es im Konferenzverlauf Ergänzungen oder Überarbeitungen geben, sind diese schnell, einfach und unkompliziert nachzutragen.
  • Dank USB-Stick können die Bemerkungen schnell und einfach aus dem Protokoll in das Zeugnisprogramm kopiert werden. Gravierende Bemerkungen kopiere ich zusätzlich in die elektronische Schülerakte.
  • Für die Vorbereitung der Jahres-Konferenz drucke ich mir das Protokoll aus dem Januar noch einmal aus und überlege, ob sich das Verhalten des Schülers verändert hat. Meist habe ich den Eindruck, dass zumindest kleine Erfolge zu verzeichnen sind, auch wenn die Anzahl und die Formulierungen der Klassenbucheinträge ein gegenteiliges Bild vermitteln. Beim Formulierungsentwurf versuche ich meine Eindrücke zu berücksichtigen.
  • Die Eltern meiner Klasse erhalten regelmäßig eine kurze Mitteilung, falls ihr Kind ins Klassenbuch eingetragen wurde. Zu diesem Zweck kopiere ich mir alle zwei Wochen die entsprechenden Seiten aus dem Buch und übertrage die verhaltens- und mitarbeitsrelevanten Einträge in das entsprechende Briefformular. Auf diese Weise ist es ein leichtes, zur Vorbereitung der Zeugniskonferenz eine Übersicht über alle Einträge zu erstellen. Bei so manchem Schüler fällt erst dabei auf, dass er sich über das Jahr hinweg regelmäßig kleinere Vergehen erlaubt. Ab einer gewissen Häufung passe ich dann die Kopfnote an.

Dieses Verfahren ist datenschutztechnisch nicht unproblematisch. Ich versuche die Gradwanderung, indem ich die Dateien auf einem verschlüsselten Bereich der Festplatte ablege und die Dateien lösche, sobald ich die Klassenleitung abgebe.

Widersinnig: Der Drittelparagraph

Zumindest hier in Rheinland-Pfalz gilt bei Klassenarbeiten der sogenannte Drittel-Paragraph:

Erreicht mind. ein Drittel der Schüler bestenfalls die Note mangelhaft (5), so entscheidet der Schulleiter nach Anhörung des Fachlehrers und Schülervertretern, ob die Arbeit wiederholt werden muss.

Meine drei Textverarbeitungskurse erreichten in nahezu inhaltsgleichen Kursarbeiten folgende Resultate:

1 2 3 4 5 6 Schnitt 1/3 mit Note 5 od. 6?
Kurs 1 1 6 4 1 3,4 nein
Kurs 2 2 4 3 2 1 3,6 nein
Kurs 3 1 4 1 3 3,0 ja

Offensichtlich erfüllt der Drittel-Paragraph seinen ehrenswerten Zweck nicht, denn dass ich ausgerechnet mit dem besten Kurs darüber diskutieren muss, ob die Arbeit zu schwer war, während die beiden anderen das Ergebnis schlucken müssen, erscheint befremdlich.

Meines Erachtens gibt es noch weitere Gründe, die Regelung ersatzlos abzuschaffen:

  • Einige Lerngruppen brauchen ein unmissverständliches und gemessen an Lehrplänen, Standards etc. realisitisches Signal, dass ihr Lernengagement derzeit unzureichend ist.
  • Die Schulleitung genehmigte bislang jede meiner Arbeiten. Nicht aus einer Routine heraus, sondern nach sorgfältiger Abwägung der vorgelegten Fakten (Dokumentation der Unterrichtsinhalte, inhaltsähnliche HÜs, Hausaufgaben und Hefteinträge). Offensichtlich schätzt man als Lehrer den Schwierigkeitsgrad der Arbeiten im Regelfall richtig ein.
  • In zwei Fällen merkte ich bei der Korrektur, dass die Aufgabenstellung die Schüler derart verwirrte, dass selbst gute Schüler weit hinter ihren Möglichkeiten zurückblieben. Ich setzte kurzerhand eine neue Arbeit auf, obwohl es nur zwei Fünfen und keine Sechs gab, die Voraussetzungen des Drittelparagraphen damit gar nicht erfüllt waren.
  • Das Bemühen einiger Kollegen, den Notenspiegel durch ein zurechtgebogenes Bewertungsschema zu frisieren, lässt nach, wenn keine zeit- und korrekturaufwändige Wiederholungsarbeit droht. Vielleicht werden Ergebnisse dann vergleichbarer?